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Part V “So Putney off!”
Von Schweini | 14.März 2009
Fulham 1-2 Blackburn Rovers
Datum: 11.03.08 Stadion: Craven Cottage Zuschauer: 22259
Bittet man jemanden alle Londoner Premiership-Vereine aufzuzählen, fällt ein Name garantiert als Letzter, wenn er denn überhaupt kommt: der des Fulham FC. Woran das liegt ist schnell erklärt. Fulham fristet in der Liga sowas wie ein Graue-Maus-Image. Zum Absteigen zu gut, zum Oben-Mitspielen zu schlecht. So wie vor einiger Zeit auch der VfL Wolfsburg und was man von dem zu halten hat, brauch ich ja keinem erzählen. Die ebengenannten Eigenschaften könnten durchaus auch auf Tottenham passen, wenn nicht sogar besser. Doch die Spurs haben etwas, von dem Fulham nur träumen kann: eine unglaublich große und treue Gefolgschaft. Dass diese Ausgangslage nicht die schlechteste sein muss, erläutere ich gleich im Anschluss. Zu erst einmal hieß es wieder mal die Anreise in den abenteuerlichen Londoner Untergrundtunneln zu meistern. Schlechte Erfahrungen am Morgen (ich brauchte statt üblich 20 Minuten 105 Minuten in die Stadt!!!) ließen mich eine Stunde mehr zum Stadion einplanen. Es kam wie erwartet, Transport of London versagt wie gewohnt auf ganzer Linie, mein Puffer lässt mich 20 Minuten vor Anpfiff an der Station Putney Bridge ankommen. Zwei U-Bahnstationen vorher passiert man die Station Fulham Broadway, deren hinterer Ausgang zu einer gewissen „Stamford Bridge“ führt. Das ist den meisten eingesessen Fulhamern ein ziemliches Dorn im Auge, warum ausgerechnet ein Krösus-Verein, der nach einem angrenzenden Stadtteil benannt ist, in ihrem Viertel spielen muss. Noch mehr verhasst sind allerdings die „Hoops“ der Queens Park Rangers, mit denen man sich zeitweise sogar das Stadion teilen musste. Fulham ist kein reicher Stadtteil, um es so zu sagen, auch keiner der sich durch besonders stark repräsentative Mittelschicht hervortut. Das erkennt man auch an der Klientel, die sich mit mir die U-Bahn teilt, viele ostasiatische und schwarze Anhänger hat der Verein, der Bevölkerungsstruktur entsprechend. Von der U-Bahnstation sind es dann noch einmal 10 Minuten Fußweg. Der hat es aber in sich. Positiv. Vorbei an einem Fulham-Pub betritt man den Bishops Park. Ein langgezogener kleiner Park entlang der Themse, akkurat und bei Nacht durchaus ansehnlich, obwohl ich mich hier nicht gern rumtreiben würde, wenn nicht noch unzählige Menschen meinen Weg teilen würden. Am Ende des Parks sehe ich auch schon die Flutlichtmasten in den Londoner Nachthimmel ragen. Ein durchaus schönes Ensemble, links die Themse, um mich herum der Park, direkt vor mir das Stadion mit Flutlichtmasten, die mittlerweile ja auch schon fast zu einer aussterbenden Art gehören! So, zurück zum Anfang! Dass Fulham jenseits von Gut und Böse agiert, hat durchaus seine Vorzüge. Einer davon wäre, dass sich der Verein trotz großer Ambitionen kein neues Stadion leisten kann. So ist es eine Attraktion für jeden Auswärtigen wenn er das „Craven Cottage“ zum ersten Mal besucht. In England bzw. London sind Stadien so nach ziemlich allem benannt: angrenzenden Straßen (White Hart Lane) oder Parks (Selhurst Park), ihrer topografischen Lage (The Valley) oder verachtenswerter Weise auch nach irgendwelchen Geldgebern (Emirates Stadium). Das Craven Cottage ist dort eine weitere Bereicherung. Die deutsche 1:1-Übersetzung gibt zumindest Rätsel auf. Feiglingslandhaus würde es hierzulande heißen müssen. Fakt ist, dass der englische Baron Craven (hat also doch nix mit Feigling zu tun, oder?) genau an dieser Stelle an der Themse vor circa 300 Jahren ein königliches Jagdhaus errichten ließ. Zu einer Zeit also, als hier noch Wälder statt Fußballstadien die Oberhand hatten. Also ein durchaus treffender Name, vor allem wenn eben jenes Landhaus noch existiert und sogar Teil des Stadions ist. Ein absoluter Hammeranblick, zwischen Putney und und Johnny Haynes Stand steht das Craven Cottage (das Landhaus also) trotzig an der Eckfahne mit einem Balkon zur Themse. Da ich meine Karte abholen muss, laufe ich außerhalb des Johnny Haynes Stands zu den mobilen „Ticket Collectors Only“-Wagen. Zwei Stück, nach Nachnamen A-L und M-Z sortiert. Ich bekomme meine Karte recht schnell. So langsam gewöhne ich mich dran, dass mein Name darauf steht.
Für Deutschlands Kartenvergabemechanismen wünsche ich mir dennoch die alt bekannten schnellen, direkten und vor allem anonymen Zustände. Ich bewundere den Johnny Haynes Stand. Komplett backsteinverkleidet von außen, ein echt unglaublich ungewohnter Anblick. Wer jetzt ungefähr ein Bild des Glasgower Ibrox-Parks vor Augen hat, wird mir in etwa recht geben können. Ich muss zurück zum Eingang Putney Stand. Ich habe mich entschieden dieses Spiel nicht auf Seiten der Heimfans anzuschauen, sondern in den neutralen Bereich zu gehen, der direkt neben dem Auswärtsblock ist. An den Drehkreuzen hat man eine Supersicht auf das Craven Cottage, das an der Längsseite schwarz bemalt und mit dem Schriftzug Fulham Football Club versehen ist. Für mich ist dieses Stadion jetzt schon eine Attraktion meiner London-Tour. Ganz schnell durch, kontrolliert werden nur Blackburn-Fans und Leute mit Tüten. Auffällig viele Fulham-Fans sind jetzt auch im Vorbereich. Wer weiß. Diesmal gibt es keinen Fanbereich unter der geschlossenen Tribüne, sondern nur einen Vorplatz mit Ein- bzw. Aufgängen, wie man das von uns her kennt. Da nicht viel Zeit ist, bewege ich mich vorbei an dem obligatorischen Buchmacherhäuschen zum Aufgang und steh drin. 

Im Neutral Block. Die Erfindung schlecht hin und dafür gibt es für Fulham den nächsten Daumen nach oben. Man nehme so viele neutrale Fans wie man finden kann, in diesem Fall einen, nämlich mich. Die restliche halbe Tribüne füllt man mit einer Anzahl x Fulham-Fans und der gleichen Anzahl y Blackburn-Fans. Schon ist dieser Block neutral. Fehlt noch eine räumliche Trennung zwischen beiden Bereichen der Tribüne: ein einfacher Aufgang, keine Zäune, keine Ordner. Einfach nur stark, und im Laufe des Spiels auch durchaus lustig. Ich bewundere trotzdem erst einmal das Stadioninnere (Stadionüberblick). Pudney und gegenüberliegender Hammersmith Stand (Home Supporter) sind ebenso wie der exakt an der Themse liegende Riverside Stand halbwegs modernerer Natur. Der östliche Johnny Haynes Stand dafür ist einfach nur legendär. Von außen, wie bereits erwähnt mit Backstein gemauert, innen eine Holzkonstruktion, hochgezogen 1905. Das Dach hat Walm- und Landhausoptik. Eine absolute Augenweide, viel ansehnlicher als es beliebig viele neuartig lieblos hingerotzte Eventstadientribünen sein könnten. Wem fiel überhaupt jemals ein, ein 5-Sterne-Ranking für Europas Stadien einzuführen? Hätte er dieses Stadion gesehen, wäre das sicherlich nicht passiert. Aufgrund dieser Holzkonstruktion ist in Fulham das Rauchen schon seit Ewigkeiten verboten. Das Craven Cottage in der Ecke bietet eine weitere Überraschung. Auf dem Balkon befinden sich VIP-Plätze. Fern ab von Kaviar und Glasboxen, schaut man hier für horrendes Geld Fußball von der Holzterrasse eines 300 Jahre alten Jagdhauses. Ich beneide die dort oben sitzenden Jungs und habe erstmals Respekt vor VIP-Fans. Hier wird viel Geld für Mythos und Geschichte bezahlt, auch wenn man draußen sitzen muss und die Sicht nicht wirklich die Beste ist. Ich sitze auf der Höhe, an der die Fünf-Meter-Linie rechts die Grundlinie trifft, vierte Reihe. Man schaut fast eben aufs Feld. Genial. Dann geht es los, die Spieler kommen aus dem Gang neben dem Craven Cottage. Blackburn macht von Anfang an Rabatz. „Blackburn scores away!“ ertönt es neben mir. Der neutrale Block ist schön aufgeteilt, links, rechts und vor mir Cottager, wie man sie in London gerne nennt. Hinter mir geschlossen Rovers-Anhänger. Blackburn gibt auf den Rängen Gas, Fulham dafür auf dem Rasen. 2. Minute: Clint Dempsey trifft. Was für ein Auftakt. Der Hammersmith Stand ist ganz aus dem Häuschen, der Riverside und Johnny Haynes Stand auch. Der Putney Stand nur vereinzelt. Wie viele Rovers-Anhänger gerade verzweifeln ist schwer zu schätzen. Auf der linken Seite sind bestimmt an die 1000 Mann da, wie viele auf meiner Seite stehen, ist dem Gewusel nicht wirklich zu entnehmen. Fulham ist auf den Rängen wirklich behäbig, es dauert bis zur 20. Minute bis endlich „Come on, Fulham“ und „Fulham, Fulham!“-Rufe ertönen, beeindruckend ist das nicht (Ecke Fulham). Blackburn ist da durchaus lustiger, permanentes „Blackburn scores away“ ist irgendwie lustig, bedenkt man doch, dass es wie jedes Jahr um den Abstieg geht. Kurz danach trifft Robert für Blackburn sehenswert den Pfosten, mehr passiert auf dem Platz nicht. Ungünstig an der nahen Distanz zum Rasen ist der fehlende Überblick. In Arsenal und Tottenham wurde das durch Videowände die das Spiel in Super-Teleeinstellung übertragen haben wett gemacht. Fulham hat keine Videowand. Der Trikotsponsor ist übrigens LG, das aber nur am Rande. Auf den Videobanden laufen die aktuellen Wettquoten für dieses Spiel durch. Blackburn jetzt mit 9er-Quote, für Fulham-Sieg würde es knapp 1,3 geben. Überraschend ist das auch nicht. Erst die Halbzeit ist vielversprechend. Die Spieler und Trainer traben nur von ihren Coachingzonen den Platz herüber zum Craven Cottage und dessen Tunnel. Rovers-Anhänger pöbeln Fulham-Spieler voll, Cottager Rovers-Spieler. Dazwischen sich gegenseitig, wir befinden uns in einem Block, es werden Fäuste geballt. Ordner schauen dem Treiben zu. Polizei? Vermutlich organisiert die schon eine perfekte Schlange zu den U-Bahnaufgängen für nach dem Spiel. Vor der Tribüne im Vorplatz sind über den Getränkeausgaben Monitore aufgehängt. Die erste Halbzeit wird darauf in Highlights kommentiert gezeigt, spitze! Außerdem laufen die CL-Spiel-Ergebnisse durch. Die aktuellen Wettquoten auch hier. Der Stadionsprecher löst die Lottery-Tickets-Ziehung auf. Ich höre genau hin, denn in allen Spielen haben mir permanent Leute vor dem Stadion versucht Lottery-Tickets anzudrehen und ich hatte keine Ahnung was das sein soll. Jetzt wird es mir klar. Der Stadionsprecher zieht eine Nummer, diese gewinnt nun £301 (ja, und £1, warum auch immer) und zwei Karten für das nächste Heimspiel. Innerlich überlege ich mir, dass ich das Geld nehmen würde. Die Karten eventuell auch, kommt drauf an, wer kommt. Denn Fulhams Stimmung ist nun wirklich Kanone, und die Jungs führen 1:0. Naja, ab zurück ins Stadion. Da sitze ich wieder und schweife abermals begeistert meinen Blick durchs Stadion. Die zweite Halbzeit beginnt. Tja, und über die nächsten 30 Minuten kann ich nicht viel sagen. Spielerisch sind die absolut nicht erwähnenswert. Dafür aber vom Kampfgeist Blackburns. Überhartes Einsteigen, jedenfalls in meinen von Bundesligafußball „vergifteten“ Augen. Doch auch härteste Grätschen von der Seite mit knallhartem Körperkontakt fern ab des Balles erzeugen nur eine Reaktion: Pfiffe auf der Tribüne, einen Pfiff, ein Shakehands und einen schnell ausgeführten Freistoß auf dem Platz. Ich gerate regelrecht ins Schwärmen darüber. Dass das Spiel scheiße ist, scheint auch dem Blackburn-Mob egal zu sein, sie feiern sich selbst. Fulham auf dem Rasen etwas besser, auf den Rängen Ligen schlechter. Lustig ist es nur anzusehen, wenn Dempsey regelmäßig vor Blackburns Strafraum gefällt wird, der mir jetzt gegenüber liegt. Man sieht immer die gleichen Gestalten sich vom Hammersmith Stand erheben und fluchen. So plätschert es vor sich hin, Blackburns Anhänger bringen jetzt auch ab und zu anderes Liedgut ein. Die machen richtig Spaß. Und in der 70. Minute richtig. El Hadji-Diouf (ja richtig, in England spielt so einer um den Abstieg) gleicht aus. Unzählige Rovers-Fans stürmen die Treppen Richtung Spielfeld hinunter, einfach nur um da in die Knie zu sinken und 2 Minuten (!) zu jubeln. Da Punkte in Blackburn eher die Ausnahme sind, kann ich das durchaus nachvollziehen. „Blackburn scores away“ setzt wiederrum ein, nun energischer, lauter und zum ersten Mal auch realistisch. Jetzt wird das Spiel auch schöner, schneller, beide Teams wollen gewinnen und haben auch alle Chancen dazu. Ich vermisse die aktuellen Wettquoten. Naja, macht ja auch nichts. 85. Minute, das Spiel scheint ein Remis zu bleiben, wäre da nicht Jackson Robert, der mit einer echt sehenswerten Körpertäuschung den Ball an Mark Schwarzer vorbei zur Blackburner Glückseligkeit in die Maschen drischt. Jetzt wird es richtig laut, zumindest auf meiner Seite des Craven Cottage. So freut man sich also, wenn man sonst nicht oft gewinnt. Der Hammersmith Stand wird in Heerscharen verlassen. Viele bemerken gar nicht mehr Fulhams letzte starke Druckphase. Dann ist aber Schluss, der Putney Stand versinkt mehr oder minder in einer Jubelwelle. Die, die daran nicht teilhaben wollen, gehen. Ich beobachte den Blackburn-Anhang noch ein wenig, da die Jungs richtig Laune machen, dann schiebe ich mich aber dennoch mit der Masse nach draußen. Vorbei am Craven Cottage, durch den Bishops Park an der ruhigen Themse in Richtung Putney Bridge. Ja, da ist er der Beweis den ich brauchte um mir erklären zu können, warum Fulham wohl nie aus dem Schatten der anderen großen vier Londoner Vereine heraustreten wird. Wie ich mich aber ein letztes Mal umdrehe und die Flutlichtmasten über den Baumkronen des Bishops Park erkenne, muss ich mir aber eingestehen, dass das eigentlich auch ganz gut so ist.
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